Ausblick auf das 3. Quartal: Märkte im Zeichen des KI-Booms
Rentenmärkte: Entspannung bei Inflation sorgt für Rückenwind an Europas Anleihemärkten
Die europäischen Anleihemärkte zeigten sich im zweiten Quartal von ihrer freundlichen Seite. Laut ICE BofA Indizes verzeichneten Staatsanleihen aus Deutschland eine positive Wertentwicklung von 1,4 Prozent und Staatsanleihen aus der Eurozone von 1,9 Prozent. Ende März waren die Inflationssorgen übertrieben hoch und die Finanzmarktakteure preisten sogar bis zu vier Leitzinserhöhungen der EZB bis Jahresende ein. Die Entspannung im Nahen Osten und der Rückgang der Energiepreise im Quartalsverlauf führten jedoch zu einer Beruhigung der Inflationssorgen, sodass die Finanzmarktakteure zum Quartalsende nur noch mit insgesamt zwei Leitzinserhöhungen der EZB in 2026 rechneten. Die Leitzinserhöhung der EZB im Juni hatte dann auch keine nennenswerten Auswirkungen auf den Anleihemarkt, da sie schon weitestgehend erwartet wurde. Gleichzeitig zeigte sich die europäische Wirtschaft in gewisser Weise resilient, da die Frühindikatoren eher eine Stagnation als eine Rezession signalisierten. Dementsprechend engten sich die Spreads von Unternehmensanleihen wieder etwas ein. Unternehmensanleihen entwickelten sich folglich besser als Staatsanleihen und erzielten eine Wertentwicklung von 2,3 Prozent. Europäische High Yield performte mit 3,7 Prozent sogar noch besser. Beide Performanceangaben beziehen sich auf ICE BofA Indizes.
Die Inflation dürfte in der Eurozone mit 3,2 Prozent im Mai ihren Hochpunkt erreicht haben. Im Juni fiel sie bereits auf 2,8 Prozent. Bis März 2027 wird sie, abhängig von der Energiepreisentwicklung, voraussichtlich zwischen 3,0 und 2,5 Prozent schwanken. Im April 2027 könnte sie sogar wieder unter 2,0 Prozent fallen. Dies ist einerseits auf den nach wie vor moderaten Abwärtstrend der Inflation im Dienstleistungssektor zurückzuführen und andererseits eine mechanische Folge von Basiseffekten bei den Energiepreisen. Gleichzeitig fielen die Konjunkturdaten aus der Eurozone bisher eher schwach aus. Vor diesem Hintergrund rechnen wir in diesem Jahr nicht mehr mit einer weiteren Leitzinserhöhung der EZB. Damit bestehen gute Chancen, dass sich die positive Entwicklung am europäischen Anleihemarkt im dritten Quartal fortsetzt. Gleichzeitig haben sich die Konjunkturperspektiven für die europäische Wirtschaft wieder aufgehellt, sodass Unternehmensanleihen gute Chancen auf eine Outperformance haben.
Aktienmärkte: Kursfeuerwerk dank KI-Investitionsboom und politischer Entspannung
Im zweiten Quartal brannten die internationalen Aktienmärkte ein wahres Kursfeuerwerk ab. So gewann der MSCI Europa etwa 11,8 Prozent und der MSCI Welt etwa 14,1 Prozent, während der MSCI Schwellenländerindex sogar mit 24,2 Prozent glänzte. Alle Indizes sind in lokaler Währung angegeben. Die politische Entspannung im Nahen Osten und der damit verbundene Rückgang der Energiepreise waren ein Grund für die positive Wertentwicklung. Darüber hinaus sorgte der KI-Investitionsboom für eine Euphorie an den Aktienmärkten. Noch im November 2025 planten die fünf großen Hyperscaler in den USA, im Jahr 2026 etwa 400 Mrd. USD in die KI-Infrastruktur zu investieren. Im Juni lag das Niveau der geplanten Investitionen für 2026 bereits bei unfassbaren 800 Mrd. USD. Für 2027 sind derzeit sogar etwa 1,1 Billionen USD an Investitionen geplant. Der globale KI-Investitionsboom hat nicht nur die USA erfasst, sondern zunehmend auch die nordasiatischen Länder wie Südkorea, Taiwan, Japan und China.
Ein Blick auf den MSCI-Welt und den MSCI-Schwellenländerindex zeigt, dass die Performance beider Indizes nahezu ausschließlich durch das Thema „KI-Investitionsboom“ bestimmt wird. Beide Indizes bieten also keine gute Diversifikation mehr über viele verschiedene Branchen und Länder. Die große Herausforderung für Anleger besteht also darin, ein Portfolio zu konstruieren, das im Aufwärtstrend mit den gängigen Indizes einigermaßen mithalten kann, bei einer Kurskorrektur infolge von Enttäuschungen bei KI-Unternehmen aber deutlich weniger verliert. Die von uns erwartete Beschleunigung der Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft sollte aber vorerst noch für ein grundsätzlich positives Umfeld an den internationalen Aktienmärkten sorgen. Negative Überraschungen sind jedoch jederzeit möglich, sei es aus den USA im Vorfeld der Zwischenwahlen, sei es geopolitisch oder aus den Bereichen Private Debt/Private Equity. Darüber hinaus könnte in den USA das Thema „Aktienangebot“ in den kommenden Monaten zunehmend in den Fokus rücken. So werden erhebliche Mengen neuer Aktien auf den Markt kommen, sei es infolge von Börsengängen oder durch bereits bestehende Aktiengesellschaften. Schätzungen zufolge könnte das ausstehende Volumen an US-Aktien zum ersten Mal seit vielen Jahren steigen. Bisher sorgten die wenigen Börsengänge und das hohe Niveau an Aktienrückkäufen für eine sinkende Zahl ausstehender Aktien. Das steigende Angebot an US-Aktien könnte im zweiten Halbjahr zu einer Underperformance von US-Aktien führen.
Konjunktur Eurozone: Warum Deutschlands neues Paket mehr Wachstum als Rezession verspricht
Die europäische Wirtschaft kämpfte im zweiten Quartal mit schwierigen Bedingungen. Die Frühindikatoren deuten allenfalls auf eine Stagnation des BIP hin. Die höheren Energiepreise belasteten die Kaufkraft und verunsicherten die Privathaushalte. Darüber hinaus gibt es in Europa nur wenige Unternehmen, die von dem globalen KI-Boom profitieren, anders als in Japan, Südkorea und Taiwan. Immerhin hat die deutsche Regierung ein überraschend substanzielles Reformpaket auf den Weg gebracht. Die sozialen Sicherungssysteme sollen zukunftssicher gemacht und der Anreiz für Unternehmen erhöht werden, wieder mehr in Deutschland zu investieren. Zudem wird die Kapitaldeckung der staatlichen, betrieblichen und privaten Rente gestärkt. Somit wird perspektivisch mehr Geld in den deutschen Aktienmarkt fließen, was die Finanzierung von Börsengängen stärkt. Das Beispiel Schweden zeigt, wie es gehen kann: So gab es laut dem Deutschen Aktieninstitut zwischen 2016 und 2020 etwa 190 Börsengänge in Schweden, aber nur 42 in Deutschland, obwohl die deutsche Volkswirtschaft deutlich größer ist. Dadurch erhalten junge, innovative Unternehmen in Schweden eine Finanzierungsperspektive, was die Innovationskraft der Volkswirtschaft stärkt. Jetzt müssen die Reformen noch in Gesetze gegossen und tatsächlich auch beschlossen werden. Leider wirken Reformen erst mit einer gewissen Zeitverzögerung. So hatte die Reformagenda von Gerhard Schröder im Jahr 2004 erst ab 2007 einen erkennbar positiven Effekt auf das Wirtschaftswachstum. Diese Erfahrung zeigt, dass eine Phase der Reformen aus politischen Gründen mit einer Phase der Nachfragepolitik einhergehen sollte. Neben den höheren Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur dürfte von der geplanten steuerlichen Entlastung der unteren Einkommensgruppen ein positiver Konsumimpuls von etwa 0,1 Prozentpunkten des BIP im nächsten Jahr ausgehen, da untere Einkommensgruppen tendenziell eine hohe Konsumquote haben. Es ist durchaus möglich, dass die Reformen das Trendwachstum von derzeit etwa 0,5 Prozent auf 0,7 Prozent erhöhen können. Erfreulicherweise dürfte die Inflation in der Eurozone mit 3,2 Prozent im Mai ihren Höhepunkt erreicht haben. Im Juni fiel sie auf 2,8 Prozent. In den kommenden Monaten rechnen wir mit einer Seitwärtsbewegung zwischen 3,0 und 2,5 Prozent. Für April 2027 prognostizieren wir sogar eine Inflationsrate von unter 2,0 Prozent. Vor diesem Hintergrund erwarten wir in diesem Jahr keinen Zinsschritt der EZB mehr.
Konjunktur USA: KI als Wachstumstreiber – US-Wirtschaft im Aufschwung
Die US-Wirtschaft präsentierte sich im zweiten Quartal solide. Bisher basierte der Aufschwung jedoch fast ausschließlich auf dem KI-Boom, während andere Branchen eher stagnierten. Gegen Quartalsende mehrten sich jedoch die Zeichen, dass der Aufschwung zunehmend an Breite gewinnt und sich auch auf andere Branchen überträgt. Es spricht also vieles für einen „Capex Supercycle“, da die technologische Revolution in vielen Bereichen – wie KI, Robotik, Transport und grüne Energie – große Investitionsausgaben der Unternehmen erfordern wird. Dementsprechend haben wir unsere Wachstumsprognosen für die US-Wirtschaft deutlich angehoben und erwarten in diesem und im nächsten Jahr jeweils ein Wachstum von 2,5 Prozent. Damit liegen wir auch oberhalb des Konsensus. Investitionen erhöhen mittelfristig zwar das Angebot und wirken daher inflationsdämpfend. Kurzfristig erhöhen sie jedoch die Nachfrage und tragen zu einer höheren Inflation bei. Ein größerer Optimismus der Privathaushalte in Bezug auf zukünftige Produktivitätsgewinne durch KI und andere technologische Durchbrüche dürfte zudem dazu führen, dass in Zukunft mit deutlich höheren Einkommen gerechnet wird. Der robuste Aktienmarkt spiegelt unter anderem diesen Optimismus wider. Rationale Privathaushalte werden einen Teil der erwarteten zukünftigen Einkommensgewinne schon heute für einen höheren Konsum verwenden. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass der steigende Aktienmarkt mit einer sinkenden Sparquote der privaten Haushalte einhergeht. Natürlich profitieren nicht alle Privathaushalte gleichermaßen, sondern nur diejenigen mit einem hohen Einkommen. Daraus könnte perspektivisch politischer Sprengstoff entstehen, da die Einkommensverteilung immer ungleicher wird. Eine höhere Wachstumsdynamik bedeutet mehr Preisdruck. Wir erwarten daher, dass die Inflation auch im Jahr 2027 mit 2,8 Prozent oberhalb des Inflationsziels bleiben wird. Der neue US-Notenbankpräsident Kevin Warsh betonte zuletzt immer wieder, dass das Inflationsziel derzeit im Fokus der Geldpolitik stehe, da es fünf Jahre in Folge nicht erreicht wurde. Sollte die US-Notenbank das Inflationsziel nun ernster nehmen, müsste sie in diesem Jahr eigentlich den Leitzins in zwei Schritten um jeweils 25 Basispunkte erhöhen. Wir bleiben gespannt.
Konjunktur Asien: Japans Boom bei schwachem Yen, Chinas Wachstum ohne Wohlstand
Die japanische Wirtschaft profitiert erheblich von der Entspannung im Nahen Osten und von den fallenden Energiepreisen. Darüber hinaus erfasst der globale KI-Boom zunehmend auch japanische Technologieunternehmen, die von starken Auftragseingängen profitieren. Insgesamt zeigt sich derzeit ein Bild der wirtschaftlichen Stärke. Interessanterweise geht diese wirtschaftliche Stärke mit einer erheblichen Währungsschwäche einher. Eine vergleichbare Situation ist auch in Südkorea und Taiwan zu beobachten. So notiert der japanische Yen gegenüber dem US-Dollar auf dem schwächsten Niveau seit mehr als 40 Jahren. Offensichtlich ist die Geldpolitik ein Grund für die Währungsschwäche. Infolge des Aufschwungs steigt der angemessene Leitzins merklich, während die Bank von Japan den Leitzins nur sehr zögerlich anhebt. Die Lücke zwischen dem tatsächlichen und dem angemessenen Leitzins wird somit immer größer. Daraus folgt zunächst eine Vermögenspreisinflation mit merklichen Kursanstiegen am Aktien- und Immobilienmarkt. Mit einer Zeitverzögerung von zwei bis drei Jahren könnte sich daraus eine erhebliche Beschleunigung der Konsumentenpreisinflation entwickeln.
Jetzt scheint ein guter Zeitpunkt zu sein, um sich grundsätzliche Gedanken über das chinesische Wirtschaftsmodell zu machen. Weder die Privathaushalte noch die Unternehmen profitieren: Die Konsumquote in China ist mit einem Anteil von 40 Prozent des BIPs ungewöhnlich niedrig (der OECD-Durchschnitt liegt bei etwa 60 Prozent) und die Gewinne der im MSCI China A Index vertretenen Unternehmen stagnieren seit 2014. Dass es keinerlei Reformanstrengungen in China gibt, zeigt, dass der Staat mit dem System grundsätzlich zufrieden ist und davon profitiert. Dabei scheint es eher um geopolitischen Machteinfluss als um ökonomischen Wohlstand zu gehen. In diesem Sinne kann wahrscheinlich auch die „Doppelkreislaufstrategie“ verstanden werden. Ziel ist es, eine in sich geschlossene Binnenwirtschaft ohne jegliche Abhängigkeit vom Ausland zu etablieren und gleichzeitig einen starken Exportsektor aufzubauen, der das Ausland von China abhängig macht. Eine vergleichbare Situation gab es schon in der Wirtschaftsgeschichte, als im 18. und frühen 19. Jahrhundert, besonders unter der Qing-Dynastie, der Handel sehr einseitig verlief. Europäer – vor allem Briten – wollten große Mengen chinesischer Waren kaufen: Tee, Seide, Porzellan und Lackwaren. China hatte jedoch nur begrenztes Interesse an europäischen Industriewaren. Deshalb entstand ein massives Handelsdefizit Europas gegenüber China. Bezahlt wurde überwiegend mit Silber, häufig mit spanischen Silberdollars. Heutzutage erhält China für seinen immensen Handelsbilanzüberschuss vor allem Staatsanleihen, Bankeinlagen, Unternehmensanteile und Rohstoffe. Ausländische Regierungen haben bisher keine gute Antwort gefunden, um ihre Industrieunternehmen zu schützen und eine Deindustrialisierung ihrer Volkswirtschaft zu verhindern. Deutschland ist davon besonders stark betroffen. Ideal wäre es, wenn sich mehrere größere Wirtschaftsräume zusammenschließen und eine einheitliche Zollpolitik verfolgen würden.
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