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Mario Mattera im Interview mit der Börsen-Zeitung - 9.1.2026

„Skandinavische Länder haben eine Vorbildfunktion“

Das Bankhaus Metzler gehört zu den wenigen Adressen, die kleine und mittelgroße Unternehmen noch in der Breite covern. Im Interview erläutert Kapitalmarktvorstand Mario Mattera, welche Probleme Small und Mid Caps am Kapitalmarkt haben, was Deutschland hier von skandinavischen Ländern lernen kann und warum ausländische Investoren trotz allem massenhaft ins Land strömen.

Börsen-Zeitung: Herr Mattera, viele Wettbewerber haben ihre Analystenteams verkleinert oder ganz aufgelöst. Warum hält das Bankhaus Metzler an einer breiten Coverage von Small und Mid Caps fest?

Über Wettbewerber kann ich mich nicht äußern. Bei Metzler ist die Aktie in der DNA fest verankert. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschäftsbereiche und nimmt einen hohen Stellenwert in der privaten und institutionellen Vermögensverwaltung unserer Kunden ein. Im Zuge der Mifid-II-Änderungen, die ja eine Zäsur für den Markt waren, haben wir uns intensiv damit auseinandergesetzt und gefragt: Wie kommen wir durch diese schwierige Zeit?

Und, was war ihr Rezept?

Wir positionieren uns als Local Broker. Wir haben immer der Versuchung widerstanden, paneuropäisch zu analysieren, denn dann wären wir in einer ganz anderen Wettbewerbslandschaft unterwegs. Wenn ich aber ganz bewusst sage, ich fokussiere mich auf deutsche Aktien, bewege ich mich in einer Nische. Das hat uns sehr geholfen, auch in der Mifid-Übergangszeit. Durch diese Spezialisierung sind wir auf den Brokerlisten der großen Häuser geblieben, während andere, die paneuropäisch agiert haben, vielleicht angesichts günstigerer Angebote aus dem angelsächsischen Raum von diesen Listen gestrichen wurden.

Aber es gibt ja durchaus Analysten internationaler Häuser, die den deutschen Markt abdecken.

Ich bin der Überzeugung, dass es inhaltlich sehr viel sinnvoller ist, regional zu agieren. Die Analysten der großen Investmentbanken sitzen selten vor Ort. Von London, New York oder aus Asien heraus ist es aber schwierig, den deutschen Markt und den Ansatz der Unternehmen zu  erstehen. Wenn sie vor Ort sind, haben sie eine ganz andere Nähe zu den Investor-Relations-Abteilungen und zu den C-Suites der Dax-, MDax- oder SDax-Unternehmen.

Wie viele Titel umfasst das Metzler-Universum?

Insgesamt haben wir gut 120 Titel auf unserer Liste. Wenn wir die 40 Dax-Werte abziehen, kommen wir auf zwei Drittel mittelgroße bis kleine Werte. 

Und für Ihr Haus lohnt sich diese breite Coverage?

Wir sehen eine sehr dezidierte Nachfrage nach gutem Aktienresearch,  insbesondere auch aus dem Ausland. Das wirkt sich natürlich auch auf die Preisgestaltung aus. Die Wertschätzung für eine qualitativ hochwertige Analyse und die langfristige Begleitung von Unternehmen und Investoren ist mittlerweile eine andere.

Hatte Mifid II auch gute Seiten beim Research?

Mifid II hat die Transparenz und den Anlegerschutz erhöht, keine Frage. Die Anbieter von Research gehen heute mit verschiedensten Themen besser um als vor 2018. Nach der Umstellung hatte die Branche zunächst eine Durststrecke zu bewältigen, weil sie nur noch bestimmten  Investoren, die extra bezahlt haben, Research zur Verfügung stellen und nicht mehr allgemein über das Brokerage von Wertpapieren abrechnen durfte. Wir bei Metzler haben aus der Not eine Tugend gemacht. Wir haben eine eigene Distributions- und Produktionsplattform für Research aufgebaut und im Grunde genommen den Prozess vollautomatisiert. Das  ist wesentlich effizienter als früher und erlaubt den Analysten, noch mehr Zeit für den Dialog mit Unternehmen und Investoren zu haben.

Ist Research für Metzler wichtig, um weitergehende Geschäftsbeziehungen mit Unternehmen aufzubauen?

Das Research ist der Nukleus, weil wir darüber den direkten Kontakt zum Unternehmen haben. Unser Ziel im Geschäftsfeld Metzler Capital Markets ist es, ein Vollsortimentsanbieter zu sein, das sind heute nur noch wenige. Vollsortiment bedeutet auch Abwicklung. Dem messen wir einen sehr hohen Stellenwert bei. Die besten Geschäftsabschlüsse bringen  nichts, wenn die Abwicklung nicht funktioniert. Unternehmen brauchen eine insgesamt langfristige Begleitung. Dazu gehört Research, dazu gehören Roadshows und Dialoge, die wir mit dem Management und Investoren organisieren, aber eben auch Sales, Trading und die  Begleitung von Wertpapieremissionen. Wenn Sie sich den mittelständischen Anleihemarkt anschauen, sind wir bei etwa jeder dritten Transaktion dabei. 

Und wo steht Metzler bei Aktienemissionen?

Auf der Aktienseite liegen sicherlich schwierige Jahre hinter dem deutschen Markt für Neuemissionen. Es gab kaum Börsengänge geringer kapitalisierter Unternehmen. Das ist für den gesamten Markt ein Problem – vor allem für Startups und Venture Capital. Aber auch bei den wenigen, meist großen Transaktionen, die es im deutschen Markt gab, waren wir häufig, zum Beispiel mit umfangreichem emissionsbegleitenden Research, beteiligt. Wir sind für eine Wiederbelebung der Emissionsmärkte sehr gut aufgestellt. 

Inwiefern leiden Startups darunter, dass es bei Small und Mid Caps am Zugang zum Kapitalmarkt mangelt?

Startups, die von Venture Capital finanziert werden, wachsen ja irgendwann aus ihren Schuhen heraus und brauchen eine weitergehende Finanzierung. Hier stockt es aber. Insofern finde ich es wichtig, dass wir uns mit der Situation von Small und Mid Caps beschäftigen, da sie aktuell Schwierigkeiten haben, Zugang zu den Kapitalmärkten zu erhalten, der für ihre Entwicklung notwendig wäre. Während große Unternehmen über ausreichend Kapital verfügen, haben kleinere  Unternehmen nicht die gleichen Möglichkeiten. Dies führt dazu, dass Small und Mid Caps derzeit eine Bewertungsdifferenz von rund 10% im Vergleich zu den Large Caps haben, obwohl sie historisch betrachtet in der Vergangenheit einen Bewertungsaufschlag von etwa 15% erzielt haben. Es ist entscheidend, dass wir Wege finden, diese Differenz zu verringern und Small und Mid Caps die Chance zu geben, ihre  Bewertungen zu steigern und damit ihr Wachstumspotenzial zu entfalten.

Mario Mattera
Mario Mattera

Können wir etwas von den skandinavischen Märkten lernen, wo es vergleichsweise viele Anleihen- und Aktienemissionen von Small und Mid Caps gibt?

Die skandinavischen Länder haben durchaus eine Vorbildfunktion. Das fängt mit der Kapitalmarktkultur an. Schweden hat eine Altersvorsorge, die schon lange kapitalmarktbasiert agiert. Damit einher geht die Finanzbildung in der breiteren Bevölkerung. Hinzu kommt der rechtliche Rahmen bei Listings, der es einfacher macht, Anleihen oder Aktien an den Markt zu bringen. Bürokratieabbau ist nicht nur in der Realwirtschaft notwendig, sondern auch im Kontext der Finanzmärkte. Es muss für Unternehmen in Deutschland leichter werden, an die Börse zu gehen oder Anleihen zu begeben. 

Ist Metzler in Skandinavien engagiert?

Wir haben erst kürzlich an unserer ersten Nordic-Bond-Platzierung teilgenommen. Hier merkt man, dass es in Skandinavien sehr große Kapitalsammelstellen in Form von Pensionskassen gibt. Der Markt dort hat einfach eine andere Aufnahmefähigkeit – und eine andere Risikokultur. Da sind wir wieder bei der Finanzbildung und dem Wissen, wie Märkte funktionieren. In Deutschland greifen vor allem Vermögensverwalter bei mittelständischen Anleihen und Aktien zu.

Wie lief denn Ihre erste Nordic-Bond-Platzierung?

Die Nachfrage war gut. Unser Fazit: Auch ein deutsches Haus kann sich an diesen Emissionen beteiligen – weil auch deutsche Investoren Interesse an Nordic Bonds haben. Eine skandinavische Bank hat oftmals eher einen begrenzten Zugang zu deutschen Investoren. Hier kommen wir ins Spiel. Das ist ein kooperativer Ansatz. Auch von Seiten deutscher Unternehmen, die Anleihen begeben wollen, gibt es eine Nachfrage. Es gibt natürlich Limitierungen: Sie können nicht unendlich viele Anleihen in der gleichen Region platzieren.

Wie entscheiden Sie, welche Unternehmen sie covern?

Wir müssen einen Sinn in dem Geschäftsmodell erkennen. Es gibt Unternehmen, die wir nicht analysieren, weil das Geschäftsmodell für uns keine Perspektive aufweist, die wir langfristig begleiten wollen. Und Langfristigkeit in der Kundenbeziehung ist wichtig für uns. Möchte ich das Unternehmen bei Investoren präsentieren? Daran hängt auch unsere Reputation. Wer Unternehmen länger begleiten möchte, muss vom Geschäftsmodell, von der Equity Story überzeugt sein.

Das heißt, die reine Coverage von Metzler sagt schon etwas darüber aus, ob ein Unternehmen gut aufgestellt ist?

So würde ich das nicht sagen, vor allem weil die Coverage auch eben nur eine Momentaufnahme ist. Ob man diese aufnimmt oder nicht, wird nach bestem Wissen und Gewissen entschieden.

Sie erwähnten die Nachfrage nach Research insbesondere aus dem Ausland. Ist das neu?

Das Interesse rührt natürlich aus der Ankündigung der Sondervermögen durch die Bundesregierung in doch nennenswerter Größe. Vorher herrschte eine regelrechte Lethargie, nicht zuletzt ausgelöst durch die Enttäuschung über die Ampelkoalition. Schon während der Corona-Pandemie hatten sich internationale Investoren zunehmend vom deutschen Markt abgewendet und nur noch die nötigsten Investitionen vorgenommen. Ich hatte Ende 2024 Kundentermine im Ausland und habe bei meinen Gesprächspartnern fast Mitleid gespürt, wenn ich gesagt habe, ich komme aus Deutschland. Die Stimmung hat sich zu Jahresbeginn 2025 aber binnen weniger Wochen gedreht.

Wie muss ich mir diesen Stimmungsumschwung genau vorstellen?

Plötzlich kamen zahlreiche internationale Investoren auf uns zu und haben Research zu deutschen Unternehmen nachgefragt. Wir haben gleich mehrere Verträge abgeschlossen. Auch die Zahl der Roadshows
in London mit deutscher Beteiligung ist stark angestiegen. Ein derartiges Interesse von institutionellen Investoren an Deutschland habe ich in meinen 25 Jahren am Kapitalmarkt noch nie erlebt.

Für welche Unternehmen interessieren sich die ausländischen Investoren?

Wenn ein ausländischer Investor neu nach Deutschland kommt, dann gehen diese nicht direkt in Small und Mid Caps, sondern sind erst einmal vorsichtig – und gehen in Large Caps. Mit Blick auf 2026 glaube ich aber, dass wir den zweiten Schritt sehen werden. Ausländische Investoren werden sich bei mittelgroßen und kleinen Unternehmen umschauen. Die sind oft in Nischen unterwegs, die überproportional von den staatlichen Investitionsvorhaben profitieren werden.

Lässt sich das Interesse am deutschen Markt in Zahlen ausdrücken?

Wir sehen in Statistiken, dass es das erste Mal seit 2011 in Fonds mit Deutschland-Bezug wieder netto Kapitalmittelzuflüsse gibt. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2025 waren es plus 6 Mrd. Euro. Davor lag man viele Jahre unterhalb der Nulllinie. Der deutsche Markt insgesamt wurde schlicht als unattraktiv eingestuft. Das hat sich komplett gedreht.

Was macht den deutschen Markt denn so attraktiv? Nur die Sondervermögen für Infrastruktur und Rüstung – oder gibt es da noch mehr?

In den betreffenden Sektoren gibt es aktuell mehrere Unternehmen mit attraktiven Perspektiven. Im Vergleich zu US-Titeln sind deutsche Aktien auch deutlich günstiger zu haben. Der Bewertungsabschlag beträgt etwa ein Drittel. Das ist historisch hoch. In Deutschland kommt die Langfristigkeit der Infrastrukturprogramme hinzu, was es für die  Investoren attraktiv macht.

Ist es nicht problematisch, dass viele der staatlichen Gelder noch gar nicht konkret verplant oder gar freigegeben sind?

Die Durststrecke zwischen der Ankündigung im Februar und dem Beschluss des Bundeshaushalts im September ist schon sehr lang gewesen. Das ist aber vielleicht auch gut so. Wir hatten einen psychologischen Bremsklotz, der dazu geführt hat, dass die Euphorie nicht übergekocht ist – was wiederum für die Marktstabilität wichtig ist. Unternehmen haben eine hohe Kostendisziplin walten lassen. Das lässt mich positiv auf 2026 schauen: Was jetzt initiiert wurde, wird dann  exekutiert – was in einem deutlich höheren Wachstum in Deutschland  münden könnte. Das ist für mich das Salz in der Suppe, weil es  Überraschungspotential mit sich bringt – und zwar gesamtwirtschaftlich, aber eben auch auf Unternehmensebene.

Wie steht es um die weiteren Rahmenbedingungen für die Wirtschaft?

Für das laufende Jahr erwarten wir wieder ein Wachstum in der Eurozone und gleichzeitig eine Inflation, die wahrscheinlich unter dem Ziel der EZB liegen wird. Entsprechend rechnen wir mit einer weiteren Zinssenkung. Das erleichtert Investitionen. Man könnte schon fast sagen, dass wir in so eine Art Goldilocks-Szenario reinlaufen, was Investoren sehr gerne mögen. Einerseits ist die Inflation unter Kontrolle, andererseits haben wir einen positiven Wachstumsausblick. Ich gehe davon aus, dass wir spätestens Mitte des Jahres sehen, wie die Investitionsagenda greift.

Momentan ist die Stimmung bei den meisten Unternehmen aber eher im Keller, oder?

Das ist richtig. Sie finden momentan wahrscheinlich nur wenige Mittelständler, die positiv gestimmt sind. Ich würde sogar sagen, wir befinden uns in einer Identitätskrise. Wirtschaftskrise ist das eine, eine Identitätskrise ist schlimmer. In der Automobilindustrie, im  Maschinenbau, in der Chemie – überall hinterfragen sich Unternehmen, ob sie noch immer ein Anbieter sind, der global wettbewerbsfähig ist. Und gerade dieses Thema Identitätskrise ist nichts, was sich über Nacht lösen ließe.

Was sind denn die größten Schmerzpunkte für Unternehmen?

Wenn sie einen Mittelständler fragen, dann ist er im Grunde genommen mit zwei großen Themen beschäftigt: Das erste und prägnanteste ist Bürokratie. Weil es allgegenwärtig ist und auf mehreren Ebenen belastet. An zweiter Stelle kommen Löhne und Gehälter. Es gibt dabei einen großen Kostenblock, der mit der Abarbeitung der Bürokratie und den regulatorischen Erfordernissen einhergeht. Die Investitionsagenda der Regierung muss deshalb meiner Ansicht nach begleitet werden mit Reformen zum Bürokratieabbau und Kostenentlastungen.

Es gibt Stimmen, die warnen vor einer Deindustrialisierung Deutschlands. Würden Sie in diesen Chor einstimmen?

Ich fürchte, die Deindustrialisierung ist eine reale Gefahr, ja. Die wirtschaftlichen Probleme zeigen sich aktuell ja vor allem im verarbeitenden Gewerbe und weniger im Servicesektor. Wir müssen dazu  übergehen, eine strategische Standortpolitik zu betreiben.  Deutschland ist immer stark mit dem Automobil verbunden gewesen –auch zurecht, muss man sagen. Aber dort ist die internationale Konkurrenz sehr hoch, gerade aus Asien kommend – und dann muss der Standort Deutschland überlegen, wofür er stehen möchte, Stichwort Identitätskrise.

Wo soll unser Wohlstand denn herkommen, wenn die Bedeutung der Autoindustrie schwindet?

Es gibt auch genügend andere Industrien, beispielsweise Cleantech, wo wir mit Fug und Recht behaupten können, dass wir dort führend sind. Wir sind immer noch ein Land der Erfinder. Aus unseren Universitäten kommen viele gute Ideen, sei es bei der Kernfusion oder im Quantencomputing. Nur müssen wir auch den zweiten Schritt gehen und daraus neue Produkte entwickeln und auf den Markt bringen. Stattdessen exportieren wir unsere Erfindungen freimütig in die Welt und vergessen, sie daheim zu monetarisieren.
 

 

Das Interview führte Daniel Schnettler. Es erschien zuerst am 7. Januar 2026 in der Börsen-Zeitung

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